Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.

  • Middleton: Beaver Hunting in Canada 1777

  • Conrad Gesner Historiæ Animalium 1558

  • Kanadisches Mobilisierungsplakat 2.Weltkrieg

  • Briefmarke Polen Biber 1,25 Zloty

  • Wappen Eno (Finnland)

Friedrich von Hagedorn: Die Tiere

Kategorie: Fabeln

Audio gesprochen von Angela Wiesenfarth


Friedrich von Hagedorn (* 23. April 1708 in Hamburg; † 28. Oktober 1754 ebenda) war ein deutscher Dichter des Rokoko. Er war der ältere Bruder des Kunsttheoretikers und -sammlers Christian Ludwig von Hagedorn (1712–1780).

Die Tiere

Der Freiheit unverfälschte Triebe
Erhöhen den Wert der Wahrheitsliebe,
Die deine Seele stark gemacht.
Dein glücklicher Verstand durchdringt in edler Eile
Den Nebel grauer Vorurteile,
Des schulgelehrten Pöbels Nacht.

Was Haller und die Wahrheit preisen,
Mein Freund! das wagst Du zu beweisen:
"Wer frei darf denken, denket wohl."
Lass deinen Ausspruch mich vertraulich überführen,
Ob ich die Urteilskraft in Tieren
Bejahen oder leugnen soll.

Zwei Ratzen, die der Mangel plagte,
Und hungrig aus den Löchern jagte,
Entdeckten unverhofft ein Ei.
Das Ei war ihnen genug. Es wissen viele Weisen,
Ein Manzel* selbst, dass, die zu speisen,
Kein großes Mahl vonnöten sei.

Sie wollen froh zum Essen schreiten;
Allein es lässt sich jetzt von weiten
Der Erbfeind ihres Volkes sehn.
Es schleicht ein Fuchs heran; und guter Rat wird teuer,
Er frisst die Ratzen und säuft Eier;
Wie lässt sich's unberaubt entgehn?

Die eine legt sich auf den Rücken
Und hält mit unverwandten Blicken
Das Ei mit ihren Pfoten fest.
Die andre weiß darauf, mit glücklichem Bemühen,
Sie bei dem Schwanze fortzuziehen;
Und so erreichen sie das Nest.

Wer lehret, aus gewissen Gründen,
Dass Tiere bloßerdings empfinden?
Hat hier die Ratze nicht gedacht?
Verriet die Rettungsart, die sie so wohl erlesen,
So schön vollführt, kein geistig Wesen,
Das zweifelt, forscht und Schlüsse macht?

Zeigt sich in keines Tieres Ränken
Die Kraft, was möglich ist, zu denken,
Des Menschen Leitstern, der Verstand?
Kennt man von ihrem Tun noch keine tiefre Quelle.
Als die Erwartung solcher Fälle,
Die jedes andern ähnlich fand?

Die besten Mittel weislich wählen,
Durch Klugheit nie den Zweck verfehlen;
Das kann der stolze Mensch allein.
Pflegt diese Fertigkeit nicht Tieren beizuwohnen?
Warum denn müssen die Huronen
Durch Biberwitz beschämet sein?

Wann fürchterliche Fluten schwellen,
Wann die Gewalt vereinter Quellen
Um Quebec wühlt und Felder frisst;
So wird im Strom ein Haus durch Biber aufgeführt
An dem der Sturm die Kraft verlieret,
Das rund, umpfählt und sicher ist.

Die Vörderfüße scheinen Hände
Und flechten aus den Binsen Wände,
Die auf sechs festen Stützen stehn.
Es kann ihr Wunderbau ein dreifach Stockwerk zeigen,
Und jeder Biber höher steigen,
Wann Eis und Wellen weiter gehn.

Sie wählen nahe Pappelweiden,
Die sie mit scharfem Zahn durchschneiden;
Doch ihre Mühe wird verkürzt,
Und sie erwarten stets den Beistand starker Winde,
Der plötzlich in die Wasserschlünde
Die halb durchnagten Stämme stürzt.

Es werden die, so Arbeit hassen,
Der Schmach und Faulheit überlassen,
Und man verbannt sie aus dem Staat.
Ein echter Biber muss sein Amt getreu verwalten,
Bald bauen, und bald Wache halten
Und melden, wann ein Mensch sich naht.

Wer war der Plato dieser Tiere?
Wer lehrte sie, was ich hier spüre:
Kunst, Ordnung, Witz, Bedachtsamkeit?
Soll man die Fähigkeit, wodurch sie dieses können,
Gefügter Teile Wirkung nennen?
Wo ist ein Uhrwerk so gescheit?

Entdeckt man weiter nichts an ihnen,
Als die Bewegung der Maschinen,
Der Urteil und Bewusstsein fehlt?
Cartesius bejaht es; doch ist ihm Recht zu geben?
Die Wahrheit mag den Zweifel heben,
Die Frankreichs Phaedrus (La Fontaine) uns erzählt

Aurorens Feind, ein Freund der Nächte,
Ein Tier aus traurigem Geschlechte,
Ein Kauz, der schlauste Bösewicht,
Ward in dem Nest ertappt; das steckte voller Mäuse;
Die waren feist und hatten Speise;
Doch ihre Füße fand man nicht.

Sie wurden hier vom Kauz ernähret,
Der ihre Brüder längst verzehret,
Und nun für sie den Weizen stahl.
Aus Vorsicht lähmt' er sie, weil, die er sonst gefangen,
Ihm wieder unverhofft entgangen:
Jetzt fraß er sie, nach sichrer Wahl.

Hat dieser Schlecker nichts ermessen?
Auf einmal alles aufzufressen;
Das war zu ungesund, zu viel.
Er spart; er will die Maus, eh er sie mästet, lähmen
Und ihr zur Flucht die Mittel nehmen.
Wie kam's, dass er darauf verfiel?

*Manzel: Ein Rechtsgelehrter, Weltweiser und Dichter in Rostock